Isaiah Berlin - Ein Leben
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In einem stillen, schattigen Salon des exklusiven Londoner Albany-Clubs plaudert Michael Ignatieff beim Afternoon Tea mit einem älteren Herren: freundlich, ein wenig zerstreut, unablässig naschend, und ein Gentleman vom grauen Kammgarn bis zu den tadellos geputzten Schuhen. Der als Prototyp des soignierten englischen Professors erscheint, ist indes ein Jude aus dem Baltikum, auch im Alter noch international aktiv von Washington bis Tel Aviv und St. Petersburg. Mit dem Philosophen Isaiah Berlin hat Ignatieff über Jahre hinweg zahlreiche Gespräche geführt und nun eine neue Biografie dieses -- in eigenen Worten -- Mastodon des Liberalismus vorgelegt. Der 1909 in Riga Geborene war in der Tat einer der wichtigsten Theoretiker in der Nachfolge Adam Smiths wie Giuseppe Mazzinis und empfand sich vor allem als Geistesverwandten des großen russischen Dichters Iwan Turgenjew, der sich gleichfalls zeitlebens zwischen der Scylla des Establishments und der Charybdis der kritischen Intellektuellen fand. Dass der leidenschaftliche Denker und begnadete Selbstdarsteller Berlin (Einstein nannte ihn einen Schauspieler in Gottes großem Theater) in seinem bewegten Leben als Gelehrter, Essayist und Causeur so häufig eindeutige Postitionen verweigerte, lag nicht zuletzt in der Schwierigkeit begründet, einer kosmopolitischen Geisteshaltung zu folgen, ohne seine jüdische Identität zu verleugnen. Ignatieff entfaltet mit Sachkenntnis und Sympathie das Panorama jener Existenz vor den Konturen ihrer kulturhistorischen und politischen Topologie, und man folgt ihm mit Vergnügen auf den Spuren einer Persönlichkeit, die sich selbstironisch charakterisierte als intellektuelles Taxi, die Leute halten mich an, sagen mir den Bestimmungsort, und ich sause los. Mit Isaiah Berlin starb 1997, so scheint es, einer der letzten Meister der Konversationskunst alter Schule. --Joachim Nagel