Philosophers : Herzzeit: Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel

Herzzeit: Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel

EUR 24,80


Den Eltern offenbart sie als Ersten brieflich ihr Erlebnis bei Wiener Freunden, wo sie „…den bekannten Lyriker Paul Celan etwas ins Auge“ gefasst hatte, wie sie fast beiläufig anmerkt. Die erste Begegnung der beiden bedeutendsten Vertreter deutschsprachiger Nachkriegslyrik hatte sich bereits einige Tage zuvor, im Mai 1948, zugetragen. Der „surrealistische Lyriker […] hat sich herrlicherweise in mich verliebt“, erfuhren die vermutlich nicht gering staunenden Eltern, verlieh dieser Umstand ihrer Tochter „bei meiner öden Arbeiterei doch etwas Würze.“ Vermutlich eine Untertreibung. Bald nach diesem ersten Treffen rief sich ein beeindruckter Paul Celan mit dem Gedicht „In Aegypten“ in Erinnerung, das er Ingeborg Bachmann, „der peinlich Genauen“, liebevoll zugeeignet hatte. Mit diesem Briefgedicht, oder Gedichtbrief, war er eröffnet, der funkelnde Briefwechsel, der in diesem Bücherherbst wohl kaum eine Kritikerseele unberührt ließ! Man sollte sich alle Zeit der Welt nehmen – die Texte werden es dankend zurückgeben -, dieser Liebesbeziehung, die so inniglich um Wort und Ausdruck kämpfte, und über der lange Zeit der Nebel der Unklarheit hing, in ihre unauslotbaren Tiefen zu folgen. Zwei Biografien kollidierten, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Hier die Philosophiestudentin und Tochter eines österreichischen NSDAP-Mitglieds der ersten Stunde. Dort der staatenlose Jude aus Czernowitz, der beide Eltern im KZ verloren und selbst das rumänische Arbeitslager überlebt hatte. Und der sich nun als jüdischer Dichter vor der schier unlösbaren Aufgabe sah, angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust in die deutsche Sprache, ja ins deutsche Gedicht zurückzufinden. Ein wahrhaft dunkler Pfad… …über den auch diese Briefbeziehung oft genug stolpert. Oft genug mündet jedes liebe Wort in Irrungen und Missverständnissen. Der Parcours zweier Sprachgewaltiger, zeigt sich nicht selten als Sprachlosigkeit auf hohem Niveau, als naives Nichtsagenkönnen. Und immer wieder Vorzeichen der Krankheit und Depression. Sprachlich Misslungenes wird zerstört, geht auf immer verloren. Was überlebt, wird zur literarischen Kostbarkeit. Max Frisch, Hans Werner Henze, die großen Geliebten tauchen auf. Auf der anderen Seite tritt Gisèle Celan-Lestrange in den Briefwechsel ein. Die berühmten Lesungen in der Gruppe 47. Und - es kündigt sich ein Rollentausch an: Literarisch aufgeblüht, wächst bei Bachmann auch das Selbstbewusstsein. Sanft beginnt sie den großen Meister der „Todesfuge“ zu überholen, übernimmt die Führungsrolle. Zwei Besessene, denen „die Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit aufgehoben sind“, wie der Rezensent der Neuen Zürcher Zeitung zutreffend befand. Deren bester Freund und ärgster Quälgeist der Schmerz war. Paul Celan wählte im April 1970 den Freitod, Ingeborg Bachmann folgte ihm drei Jahre später in einem Hotelzimmer in Rom. In diesem Briefband grüßen sie noch einmal aus der Ferne. Und sind plötzlich so nah. –Ravi Unger

Überraschende Überraschung - Der als Sensation gefeierte Briefwechsel wird viele zunächst ernüchtern. Es geht hier nicht um die Offenlegung von Gelüsten und geheimen Wünschen, der Seelennöte der beiden wohl größten deutschen Lyriker der Gegenwart. Dies ist wohl die Enttäuschung des als Sensation gefeierten Briefwechsels. Die Sensation des Briefwechsels liegt m.E. in der nach ihrer Sprache suchenden Lyriker, ihr tastendes Befinden und entdeckende Talent beim Anderen, sowie die Intensität ihrer Suche in ihrer ungleichzeitigen Gleichzeitigkeit. Es gelingt ihnen nie eine gemeinsame Sprache zu finden, obgleich die Sprache und ihre Bilder im Werk des jeweils anderen eine Aufnahme und Antwort finden. Aber auch hier eine ungleichzeitige Gleichzeitigkeit, die die gemeinsame Liebe als schon in den Anfängen zum Scheitern bedrohte Liebe offenbart. Und dies ist vielleicht die größte Überraschung des Briefwechsels. Die kaum zu übertreffende Intensität der Auseinandersetzung und des Wechselspiels von Rede und Antwort im Werk der beiden, die die Notwendigkeit eines brieflichen Austausches über Banalitäten des Alltags und der Gefühle überwunden hat. Der Briefwechsel wirkt ausser an ein paar wenigen Stellen der aufscheinenden Sprachgewalt fast klinisch-formalistisch und weist zugleich auf die Notwendigkeit nach der Spurenlese im Werk des Anderen hin. Der Briefwechsel ist kein Psychogramm von Bachmann und Celan, sondern lädt zur Entdeckungsreise und das Aufsuchen der Orte ihrer jeweiligen Literatur ein, in der Celan und Bachmann den Anderen entdecken.Dies ist die überraschende Überraschung des Briefwechsels, der für mich nichts mit einer Sensation und Sensationslust zu tun hat, sondern das Geheimnis der Liebe unter Wahrung des Briefgeheimnisses belässt.

......der ständig beleidigte paul celan - Vergleicht man diesen Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Paul Celan mit dem zuletzt erschienen Briefwechsel der Bachmann (mit dem Komponisten Hans Werner Henze!), so stellt man sehr schnell fest, dass die Briefe Celans nicht den Unterhaltungswert besitzen, wie die des Komponisten Hans Werner Henze. Schon nach wenigen Briefen nerven das ständige beleidigt sein und die unerträgliche Selbstverliebtheit Celans. Somit wird auch das Leiden der Bachmann an dieser Beziehung für den Leser greif- und fühlbar. Dass die Verbindung der beiden dann doch so lange, über mehrere Jahrzente gedauert hatte, ist ein kleines Wunder. Der eigentliche Briefwechsel macht im Gesamtvolumen dieses sehr schönen Suhrkamp-Bandes, nicht einmal die Hälfte aus.

Ihr Uhren tief in uns - Sie haben sich im Mai 1948 in Wien kennen gelernt: die Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann und der staatenlose Jude Paul Celan aus Czernowitz. Der surrealistische Dichter ...hat sich...in mich verliebt..., schreibt sie ihren Eltern. Und an Paul: ...und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören. Er - ganz Dichter - eröffnet den Briefwechsel mit dem wunderbaren Gedicht In Aegypten, in dem bereits alles das anklingt, was sein Leben bedeuten sollte. Er nimmt die Geliebte mit hinein in seine Jüdischkeit. Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken /...mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi... heißt es da. Dieser Briefwechsel - er währte vom Mai 1948 bis Herbst 1967 und wird ergänzt um die Korrespondenz zwischen Paul Celan und Max Frisch und Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange - ist ein Dokument einer ganz großen und sehr schmerzlichen Liebe, ein Dokument der Hingabe, der Trennung, des Sich-Wieder-Findens, ein dramatisches und bewegendes, ja, berührendes Lebenszeugnis. In den Kontext zum Briefwechsel gehört auch Celans Gedichtband Mohn und Gedächtnis mit der berühmten Todesfuge (1952). Lange wurde gerätselt, was es mit dieser Liebe der beiden bedeutenden Dichter auf sich hatte, wie diese Beziehung sich in Werk und Leben der beiden niedergeschlagen hat. Endlich haben wir Klarheit.Begonnen hatte die Beziehung am 20. Mai 1948 in Wien. Wenige persönliche Treffen waren danach zu verzeichnen: Ende 1950 war Ingeborg Bachmann etwas zwei Monate bei Celan in Paris, ein weiteres Mal im Februar/März 1951 für ein paar Tage, im März 1952 haben sie sich bei der Tagung der Gruppe 47 getroffen. Jahre des Schweigens folgten. Erst 1957 dann eine weitere persönlichen Begegnung, so in Köln. Hier kam es zu einem Neubeginn der Beziehung. Lyrische Beweise: das Gedicht Rheinufer von Ingeborg Bachmann (Wasserstunde, der Schuttkahn/fährt uns zu Abend.... Und Paul Celan antwortete mit dem wunderbaren Gedicht Köln: Am Hof (Herzzeit, es stehn/die Geträumten für/die Mitternachtssziffer...Ihr Dome ungesehn,/ihr Wasser unbelauscht,/ihr Uhren tief in uns). Die kommenden Treffen wurden jedoch bald spärlicher, ein letzter Brief dann Ende 1961. Der Versuch eines gemeinsamen Lebens in Paris oder anderswo scheiterte, musste scheitern. Sie haben sich gegenseitig die Luft genommen.Und doch: die Bachmann kämpfte um Paul, wenn auch letztlich vergebens. Sie schreibt von der großen Sehnsucht nach ein wenig Geborgenheit und Du warst...beides für mich: das Sinnliche und das Geistige.Natürlich war diese Beziehung nicht nur eine Privatsache. Hat sie doch etwas mit dem historischen Verhängnis zu tun, das die Bachmann nur als indirekt Betroffene, Celan als direkt Betroffener, als Opfer (er hat seine Eltern im KZ verloren), als das er sich sein ganzes Leben lang gefühlt hat: traumatisiert und ständig verfolgt, erlebt und erlitten hat. Dazu sein Niedergeschlagenheit über die politischen Zustände in Deutschland. Das hat auch etwas mit der Goll-Affäre zu tun. Celan habe von Yvan Goll abgeschrieben. Ungewollt ist diese Geschichte von dem Literaturwissenschaftler Richard Exner ausgelöst worden, von Claire Goll wurde ein einfacher Vergleich dann instrumentalisiert und so zu einer Affäre, die für Celan zu einem lebensbestimmenden Thema wurde. Immer wieder nahm er in seinen Briefen Bezug darauf, bat darum, forderte, eindeutig für ihn Stellung zu beziehen. Ingeborg Bachmann versuchte zu helfen, zu vermitteln, auch zu beschwichtigen. Paul Celan war nicht zu beruhigen und übertrug die Affäre auf die gesamte politische Befindlichkeit der jungen Bundesrepublik. Der Plagiatsvorwurf sei infam man suche die Veröffentlichung seiner Gedicht zu hintertreiben, Böll habe ihn hintergangen, Max Frisch ebenfalls, die Stimmung sei durchgängig gegen ihn. Hier spielte sich ein Drama von antikischem Ausmaß und großer literarischer und geschichtlicher Dimension ab. Am Ende starb Paul Celan, der sich am 20. April 1970 in Paris das Leben nahm, auch daran. Und Ingeborg Bachmann? Am 17. Oktober 1973 verstarb sie nach einem tragischen Brandunfall in Rom.I

Die Liebe war zu tief - Briefe zwischen 1948 und 1967.Ingeborg Bachmann schwärmte, der surrealistische Lyriker Paul Celan habe sich herrlicherweise in sie verliebt.Kurz währte das eigentliche Liebesglück, es fällt ins Jahr 1948, nach dem Ende blieb zunächst Freundschaft, es gab ein Wiederaufflammen im Jahr 1957 und dann ein bitteres Ende, als Bachmann Celan nicht in der gewünschten Form gegen eine vom Dichter als antisemitisch empfundene Kritik Günter Blöckers in Schutz nahm.Ich liebe dich-ich will dich nicht lieben Im DSM IV wird die borderline-Störung u.a. so charakterisiert:Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist. Vieles , von dem , was man hier lesen kann, scheint diesem Muster zu entsprechen.Cioran schreibt über diese Beziehung: Celan war kein Mensch, sondern eine blutende Wunde.Zwei Menschen, die sehr tief fühlen, diese Tiefe in dunkle Worte fassen können, treffen aufeinander, begegnen sich in dieser Tiefe, ohne sie wirklich leben zu können. Das , was sie als Dichter erfassen, können sie als Menschen nicht leben.Davon zeugen viele Briefstellen. Es ist klar, dass dieses Gefühl nicht durch Freundschaft ersetzt werden kann, es ist klar, dass belanglose,oberflächliche Begegnungen sie noch unglücklicher machen. Diese sind nicht die angemessene Form für die Verbindung dieser beiden Seelen.Nach Aufenthalten in der Psychatrie bringt Celan sich 1970 um, drei Jahre später verbrennt Ingeborg Bachmann in Rom Unter Einfluss von Schlaftabletten entgeht ihr, dass eine Zigarette Feuer gefangen hat. Ingeborg Bachmann stirbt am 17. Oktober 1973 an den Folgen ihrer schweren Brandverletzungen.Zwei Menschen, die dem Leben nicht gewachsen waren, zwei Menschen, die der Tiefe ihrer Gefühle füreinander nicht gewachsen waren.Bei aller Kritik an der Edition ( Klippschulstil, Peter Hamm in der ZEIT), ist dies ein beeindruckendes Dokument über die Grösse der Gefühle und deren Scheitern im alltäglichen Leben.




Herzzeit: Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel